Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren
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Archiv

Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg im PLH

24.11.2009,  19:00

Ječná 11, 120 00 Prag 2

 
Der von der bayrisch-tschechischen Grenze stammende Werner Fritsch (*1960) hat die Grenzlandschaft in seinem Debütroman Cherubim (1987) durch die Augen des Knechts Wenzel beschrieben. In seinen Dramen und Hörspielen setzt sich Fritsch immer wieder mit dem deutschen Nationalsozialismus auseinander, so auch in Enigma Emmy Göring, für dessen Hörspielfassung er den ARD-Hörspielpreis 2007 erhielt. Im Prager Literaturhaus wird Fritsch aus seinem Nachwort zu Bohumil Hrabals deutscher Romanausgabe in der Reihe Suhrkamp Quarto (2008) lesen. In diesem Nachwort erzählt Fritsch von einem erlebnisreichen Sommer 1993, in dem er sich zusammen mit seiner Frau Uta Ackermann in einem englischen Mercedes auf eine Reise durch Tschechien machte, um Bohumil Hrabal zu besuchen. Fritsch schildert seine Begegnung mit einem fröstelnden und traurigen Hrabal, erzählt vom Lesen in der Badewanne, und wie man mit einem gefälschten Hrabal-Autogramm tausend Mark sparen kann.

Der gebürtige Münchner Bernhard Setzwein (*1960) lebt heute in Waldmünchen, nahe Cham und der tschechischen Grenze. In seinen Romanen Die grüne Jungfer und Ein seltsames Land erzählt Setzwein Geschichten vom Leben an der Grenze zwischen Bayern und Böhmen vor und nach 1989. Bernhard Setzwein wird aus seinem Roman Die grüne Jungfer, der inzwischen auch im Brünner Barrister Verlag auf Tschechisch erschienen ist, und aus seiner Bamberger Poetikvorlesung „Herr Schriftsteller, vergessen sie die Mütze nicht“ lesen. In seiner Poetikvorlesung bezieht sich Setzwein auf die besondere Beziehung von Zeit und Raum, auf die „bleierne Zeitlosigkeit“ in der mittelosteuropäischen Erzähltradition. In seinem Roman Die grüne Jungfer schildert Setzwein an exemplarischen Schicksalen das Leben im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Setzwein erzählt von tschechischen Zwangsarbeitern und vertriebenen Sudetendeutschen, von Perspektivlosigkeit und neuen Chancen in der Zeit nach 1989.
Vom 24.11. bis zum 23.12.2009 wird im Prager Literaturhaus die zweisprachige Ausstellung „Literarische Nachbarschaft. Deutsch-tschechische Autorenkontakte vom Prager Frühling bis zur Samtenen Revolution“ zu sehen sein. Die Ausstellung wurde im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg konzipiert und war anlässlich der Bayerischen Landesausstellung zum Thema „Bayern-Böhmen“ zu sehen. Sie beschäftigt sich unter anderem mit den Beziehungen zwischen Tschechien und der „Gruppe 47“, einer deutschsprachigen Autorenvereinigung, die sich ab 1947 für eine Erneuerung der deutschen Literatur nach dem Nazi-Regime einsetzte. Hans Werner Richter, Leiter und Gründer der „Gruppe 47“, plante für das Jahr 1968 ein Treffen mit tschechischen Autorenkollegen. Das Treffen wurde durch den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag verhindert, daher fand es mit 20-jähriger Verzögerung im Mai 1990 statt. Die Ausstellung dokumentiert die zahlreichen Berührungspunkte zwischen Deutschland und Tschechien, so zum Beispiel die Beziehungen der Stuttgarter Schule der experimentellen Poesie zu Prag in den 1960er Jahren.

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren wurde 2004 durch die deutschschreibende Prager Autorin Lenka Reinerová, den Botschafter a.D. František Černy und den Vorsitzenden der Franz-Kafka-Gesellschaft Prof. Kurt Krolop gegründet. Das Ziel des Stiftungsfonds ist es, an die Tradition der deutschsprachigen Literatur aus den böhmischen Ländern zu erinnern und Prag als literarischen multikulturellen Begegnungsort wiederzubeleben. Das Literaturhaus verfügt über eine thematisch einzigartige Bibliothek, organisiert kulturelle Veranstaltungen und vergibt Schriftstellerstipendien an deutsche und tschechische Autoren.

Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg versteht sich seit seiner Gründung 1977 als Literaturarchiv und Literaturhaus für die Region Ostbayern. Gegründet wurde es von Walter Höllerer – Autor, Mitglied der Gruppe 47, Herausgeber, Literaturkritiker und –wissenschaftler. Die Gruppe 47 und die Literaturzeitschrift Akzente bilden zwei wesentliche Schwerpunkte des Archivs, in dem aber auch Literatur der Region vertreten ist. Eine Dauerausstellung zur Literatur nach 1945 gibt Einblicke in den Archivbestand, der unter anderem 35.000 Autorenbriefe aus der Korrespondenz von Akzente umfasst.
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