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Vortragsreihe mit der Germanistik der FF UK

Dienstag, 19. März 2019,  18:00

Prager Literaturhaus | Ječná 11, Praha 2

 

Wenn man heute evangelische Gesangbücher durchblättert, findet man noch einige Lieder, die von Nikolaus Herman stammen. Dass er auf diese Weise noch im Gedächtnis der evangelischen Kirche bleibt, veranschaulicht wohl am besten, welchen Ruhm er im 16. Jahrhundert genoss. In der Tat waren seine zwei umfangreichen Liedersammlungen, die er kurz vor seinem Tod im Jahre 1561 zusammenstellte, vielfach nachgedruckt und weit bekannt.

Herman war ab etwa 1522 als Kantor in der Pfarrkirche in St. Joachimsthal (Jáchymov) tätig. Sein Schaffen beschränkte sich aber nicht nur auf Lieder, sondern er betätigte sich auch als Übersetzter und verfasste eigene Schriften. Sowohl die erste als auch die zweite Tätigkeit sind in zwei Werken kleineren Umfangs, der Flugschrift „Ein Mandat Jesu Christi“ von 1524 und der Erziehungsschrift „Ein gestrenges Urteil Gottes“ von 1525, greifbar. Zu merken ist zugleich, dass die Titel beider Schriften kundgeben, sie seien von Nikolaus Herman aus der Heiligen Schrift bzw. aus dem Alten Testament gezogen worden. Das ist ein eher merkwürdiges Verfahren in der Textproduktion, weshalb zu fragen wäre, wie es überhaupt funktionierte und warum die Titelblätter damit prahlen, dass sie auf diese Art und Weise entstanden sind.

Die Broschüre „Ein Mandat Jesu Christi“ war im 16. Jahrhundert sehr erfolgreich, sie erlebte im 16. Jahrhundert sogar insgesamt 22 deutsche Auflagen und wurde auch ins Tschechische übersetzt. Wie ist es aber passiert, dass die Schrift noch im Jahre ihrer Entstehung in zwei unterschiedlichen Varianten gedruckt wurde und dass nur einige Titelblätter den Kantor Nikolaus Herman als den Verfasser preisgeben? Um auf die Spur dieses Geheimnisses zu kommen, müssen Verbindungen zu Wittenberg aufgedeckt werden, die während der 1520er Jahre für die Bergstadt St. Joachimsthal so prägend waren. Die Analyse von Hermans Erziehungsschrift wird schließlich zeigen, dass die Bezüge zu diesem Zentrum der sächsischen Reformation allgegenwärtig waren.

 

 

 

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