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120. Jahrestag der Geburt von Johannes Urzidil


Am 3. 2. 2016 gedenken wir des 120. Jahrestages der Geburt des Dichters, Schriftstellers und Journalisten Johannes Urzidil (1896 – 1970). Urzidil studierte in Prag Germanistik, Slawistik und Kunstgeschichte. Seit seiner Kindheit wuchs er in der tschechischen, jüdischen und deutschen Umgebung. Noch am Gymnasium lernte Urzidil den Dichter Franz Janowitz kennen, der vier Jahre älter war. Durch seinen älteren Bruder Hans Janowitz wurden beide mit den deutschen Schriftstellern bekannt, die im Café Arco, Ecke Hibernergasse (Hybernská) und Pflastergasse (Dlážděná), zusammenkamen. So lernte er Max Brod, Franz Kafka, Egon E. Kisch, Oskar Baum und andere kennen. Johannes Urzidil hatte aber Freunde nicht nur unter den deutschen Intellektuellen, sondern auch unter den tschechischen Künstlern. Zu seinen Freunden zählten Josef Čapek, Jan Zrzavý und andere bildende Künstler. Bis 1934 arbeitete er zuerst als Übersetzer für das deutsche Generalkonsulat in Prag, seit 1922 als Pressebeirat der dortigen deutschen Gesandtschaft in Prag. 1934 musste Urzidil diese Arbeitsstätte verlassen. Im Jahre 1939 emigrierte er nach England, wohin er mit Hilfe der englischen Schriftstellerin Winifred Macpherson (Bryher) gelangte. Diese Schriftstellerin half ihm dann im Jahre 1941 auch bei der Ausreise in die Vereinigten Staaten. Seinen Lebensunterhalt verdiente Urzidil mit der Herstellung von kunstgewerblichen Artikeln aus Leder und es gelang ihm auch, einige literarische Werke zu veröffentlichen. Er starb während einer Vortragstournee in Rom.

Urzidils literarisches Werk ist sehr umfangreich. Am Anfang stehen expressionistische Gedichte, vereinigt in dem Gedichtband „Sturz der Verdammten“ (1919). Sehr viel Mühe widmete er der Bearbeitung des Vermächtnisses großer Künstler der Vergangenheit, vor allem Goethe. Mit der goetheschen Problematik befasst er sich in der literarhistorischen Monographie „Goethe in Böhmen“ (1932, erweitert 1962). Urzidils vielseitige künstlerisch-historische Interessen finden in der Monographie „Václav Hollar“ (1936) ihren Gipfel. Sein Roman über Amerika heißt „Das große Halleluja“ (1959). Den Kern seines Prosaschaffens bilden aber Erzählungen über Böhmen und vor allem über Prag. Es gibt eine ganze Reihe von Werken Urzidils, die mit Prag verknüpft sind. Die meisten davon entstanden im amerikanischen Exil. Die Erzählungen sind zum Teil autobiographisch. Sie sind in ihrem Genre vollkommen. Es gehören zu ihnen „Die verlorene Geliebte“ (1956), „Prager Triptychon“ (1960), „Das Elefantenblatt“ (1926), „Entführung“ (1964), der Essay „Da geht Kafka“ (1965), „Die erbeuteten Frauen“ (1966), „Bist du es, Roland?“ (1968), „Väterliches aus Prag und Handwerkliches aus New York“ (1969). Postum wurden noch die Bücher „Die letzte Tombola“ (1971), „Morgen fahr ich heim“ (1972), „Bekenntnisse eines Pedanten“ (1972) veröffentlicht.


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